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Du bist der Weg, die Wahrheit und
das Leben.
Herr segne unser reden und hören.
Liebe Gemeinde,
neu und ungewohnt ist es heute für
mich hier an dieser Stelle auf der Kanzel vor ihnen zu stehen.
In meinem beruflichen Alltag als
Hausarzt bin ich eher den Dialog mit Einzelnen oder auch mal mehreren
Menschen auf Augenhöhe gewohnt – nicht aber eine Ansprache - oder gar
Predigt.
Zunächst möchte ich mich ihnen kurz
vorstellen:
Mein Name ist Ralf Fuhrmann, ich
bin 47 Jahre alt und seit 1998 als internistischer Hausarzt in der
Nordstadt niedergelassen, seit 2005 in Gemeinschaftspraxis mit meinem
Kollegen Dr. Uwe Fröhlich.
Nach Pforzheim kam ich 1989 nach
meinem Medizinstudium in Heidelberg noch als Student an das Städtische
Klinikum, später absolvierte ich dort einen Großteil meiner
Facharztausbildung zum Internisten; 2 Jahre war ich dann noch
an den Enzkreiskliniken in Neuenbürg, einem kleineren Krankenhaus,
tätig.
Neben meiner beruflichen Tätigkeit
bin ich auch politisch aktiv als Stadtrat und auch in der evangelischen
Kirche als Ältester in der Lukasgemeinde hier in der Weststadt.
Auch mit der Buckenberggemeinde bin
ich noch ein wenig verbunden, habe ich doch Anfang der 90er Jahre ca. 3
Jahre in der Kolpingstraße gewohnt und war schon hier Gemeindeglied.
Umso mehr freue ich mich heute hier zu sein.
Die Verarbeitung von Krankheit und
Krankheit als Stigmatisierung –
Der
kranke Mensch als Aussenseiter?
In meiner täglichen Praxis stelle
ich mir oft die Frage, wie Menschen mit dem Schicksal ihrer Erkrankung
umgehen – gerade wenn es einen besonderen Einschnitt in das Leben und
die bisherige Planungen bedeutet.
Schnell kommen wir dann nach
Eröffnung einer schweren Diagnose im Gespräch auch auf die Sinnfrage
– von Krankheit, Leiden und Sterben:
Warum?
Warum gerade ich?
Warum gerade jetzt?
Warum muss ich es so schwer haben?
Warum lässt Gott das zu?
Sie alle kennen vielleicht aus dem
eigene Erleben, oder wenn anderen etwas zustößt, wie diese Fragen
ständig bohren, an der Seele nagen und wie das ständige Drehen der
Gedanken um diese Frage, jede Kraft zum Leben und Handeln zu rauben
scheinen.
Wie oft habe ich erlebt, dass das
„Zurückfallen“ auf oder das ständige „Kreisen“ um diese Fragen, jede
aktive Mitarbeit des Kranken hemmt, wichtige Heilungsprozesse blockiert
oder gar unmöglich macht.
Es bedarf nach der Mitteilung einer
schlimmen Diagnose und den möglichen, auch schmerzhaften
Therapiemöglichkeiten oft vieler intensiver einfühlender Gespräche und
manchmal auch einfach auch Zeit - genau im Umgang mit diesen „Warum“-
Fragen.
Zu sehr sind wir Menschen
„mechanistisch“ orientiert – was habe ich falsch gemacht?
Welchen Fehler, welche Schuld habe
ich auf mich geladen, um so –von Gott- gestraft zu werden?
Wie es der Predigttext heute auch
sagt und klar anspricht: „Wer ist schuld daran, dass dieser
Mann (von Geburt an) blind ist? War es seine eigene Schuld oder die
Sünde seiner Eltern?“ Joh. 9, 2
Fragestellungen wie sie kranke
Menschen nicht nur selber in schlaflosen Nächten umtreiben, die sie
sich immer wieder selbst verzweifelt fragen und doch keine Antwort
darauf finden. Wie es aber gerade auch die Mitmenschen, die Partner,
die Familie und die Umgebung immer wieder fragen.
Damit aber setzen sie die Kranken
zusätzlich unter Druck, verurteilen sie, teilen sie ein, grenzen sie
aus, stigmatisieren sie.
Sie alle kennen das sicher das auch
–
Dieser zermürbende Prozess hemmt
und blockiert den Kranken. Kommt dazu der Druck von außen wird es
unerträglich. Es kostet unendlich viel Kraft und Energie, ohne am Ende
wirklich ein Stück weiter zu sein.
Zur Bewältigung einer schweren
Krankheit, zur Verarbeitung einer schlimmen Diagnose brauchen die
Patienten möglichst ihre volle körperliche und psychische Kraft, die
sich gegen die Krankheit und zusammen auf Bewältigung von
möglichen Therapien richtet.
Dies gilt meiner Meinung nach auch
in den vielen „aussichtlosen“ Fällen, ohne Hoffnung auf eine Heilung,
wo es um unheilbar kranke Menschen und deren Leben oder Sterben mit
diesen Diagnosen geht.
In meiner eigenen Praxis behandle
ich viele Menschen mit einer HIV Infektion, schweren Krebserkrankungen
oder einer Hepatitis C Infektion.
„Es zieht einem den Boden unter den
Füssen weg“
„Es ist wie ein schwarzer Tunnel
und ich weiß nicht wo ich hin soll, da es keine Richtung, keinen Weg
mehr gibt“
„Ich falle in ein tiefes schwarzes
Loch“ -
So oder ähnlich beschreiben die
Patienten mir oft das erste Erleben, wenn sie eine solche Diagnose
erhalten haben. Oft können sie das aber erst viel später in der
Rückschau so beschreiben, da sie am Anfang wie gelähmt sind.
Ganz schnell kommt dann diese
„Warum“- Frage, der Blick zurück, die Suche nach einer „Erklärung“ für
eine Krankheit.
Und auch, wenn es sich um eine
Infektionskrankheit handelt und der Patient sich fragt, wann und bei
wem er sich angesteckt habe – er findet eben keine befriedigende,
erlösende Antwort. Noch dazu sind diese Fragen eben alle rückwärts
gewandt.
Als hilfreich habe ich dabei oft
erlebt, weg von der „Warum“- Frage auf seinen Blick in eine andere
Richtung zu konzentrieren.
Ich ermutige den Patienten aus der
„warum“ eine „Wozu“- Frage zu machen.
Wozu ist diese Krankheit gut? Wozu
kann das in meiner jetzigen Lebenssituation auch gut sein?
Wozu bringt sie mich jetzt in
meinem Leben, in meiner Lebensplanung?
Wozu bin ich fähig?
Was wird sich für mich ändern durch
diese Krankheit – auch im Positiven?
Wozu muss ich das alles mitmachen –
lässt Gott mich das alles aushalten- auch damit ich mich weiter
entwickle als Mensch?
Diese ungewohnte, ungewöhnliche
Fragestellung bekommt zwar auch nicht auf alle Fragen gleich eine
Antwort – aber sie richtet den Blick nach vorn, in die Zukunft und
macht handlungsfähig.
Viele Berichte habe ich von
Patienten bekommen, wie befreiend dies wirkt und wie viel Kräfte das
freisetzt und mobilisiert. Wie dies in den Heilungsprozess dann
einfließt oder aber ein Leben mit einer tödlichen Diagnose auch erst
möglicht macht, ohne zu verzweifeln. Dies gibt vielen Patienten
unverhofft neue Kraft und neuen Mut.
Dies können die Kranken alles
selber tun oder mit Hilfe erreichen und sich entwickeln in der
Auseinandersetzung mit ihre Krankheit.
Ein wichtiger Punkt ist aber die
Reaktion der Umgebung auf eine schlimme oder ungewohnte Krankheit, auf
eine Behinderung oder gar tödliche Diagnose.
Wie gehen wir als einzelne und auch
als Gemeinschaft damit um, wenn wir von einer HIV-Infektion eines
Arbeitskollegen erfahren, von einer schweren psychischen Erkrankung
eines Nachbarn, von der tödlichen Diagnose eines guten Freundes.
Suchen wir nicht alle sofort nach
„Ursachen“, „Fehlern“, einfach Gründen für diese Erkrankung?
„Eine Strafe Gottes“
„Hätte sie eben aufgepasst und wäre
nicht mit jedem ins Bett“
„Kein Wunder bei dem zügellose
Leben“
„Selber Schuld“
Wir versuchen als Außenstehende
auch eine „Warum“- Frage zu stellen und für uns eine schnelle klare
Lösung zu finden.
Dies grenzt aber den Kranken aus.
Es stigmatisiert ihn.
Es stößt ihn fort.
Und macht weiter krank.
Bei google finden wir:
Stigmatisierung erweist sich für
den Betroffenen als zusätzliche Belastung. Stigmatisierung gilt daher
auch als zweite Krankheit“. Sie kann nicht nur den Heilungsprozess
behindern, sondern häufig auch eine frühe Diagnose und Behandlung. Denn
auf Grund der negativen Attribute, die mit diesen Erkrankungen
verbunden werden, gehen viele Betroffene nicht oder erst spät zum Arzt.
Diskriminierung erfolgt auf
unterschiedlichen Ebenen: im Rahmen zwischenmenschlicher Beziehungen,
am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, durch die Politik,
Versicherungsanbieter oder durch eine entsprechende Darstellung der
Betroffenen in den Medien. Betroffen sind dabei auch die Angehörigen
der Kranken, die auch Ablehnung erfahren.
Zur Zeit des Johannesevangelium war
es ein von Geburt an Blinder –ob er nur nicht sehen konnte oder die
Blindheit auch übertragen gemeint war- und es fragen die Menschen
sofort nach seiner und seiner Eltern Schuld.
Genauso erleben wir es auch seit
Jahrhunderten.
Zur Zeit der Pest werden Menschen
mit Krankheitsanzeichen aus Furcht vor einer Ansteckung nicht mehr
versorgt und ihre Leichname noch nicht einmal mehr bestattet. Bis dies
in Pforzheim -zum Beispiel- ein paar engagierte Bürger tun – die
„Löbliche Singergemeinschaft von 1501“ berichtet noch heute von dieser
Tradition.
Aber auch heute werden Menschen
„ausgestoßen“ wenn sie krank, alt und anders sind –
im Urlaub bekommt man
Schmerzensgeld, wenn Behinderte im gleichen Hotel wohnen,
Altenheime machen zuviel Krach im
Wohngebiet,
der Kontakt zu HIV-Infizierten wird
einfach abgebrochen, der Arbeitnehmer wird gekündigt,
um Hospize müssen hohe Mauern
gezogen werden
Medienwirksam ziehen Mitbewohner
aus dem „big brother“ - Haus aus, weil Homosexuelle und HIV Kranke in
dieser Folge mitspielen und damit zu viel „ernste Gespräche zu erwarten
sind“,
Behinderte werden nicht in
speziellen Einrichtungen entsprechend ihrer Kompetenzen gefördert,
sondern in Pflegeheime abgeschoben,
psychisch Kranke, Alte und
Sterbende in Einrichtungen verwahrt und allein gelassen.
Auch in unserer angeblich so
offenen, toleranten Welt ist Ausgrenzung und Stigmatisierung an der
Tagesordnung. Geschieht dies oft neben und bei uns, vor unseren Augen -
offen und aber auch verdeckt.
Und während bei der „Warum“- Frage
zur Krankheitsbewältigung die Kranken noch selber aktiv werden können,
auch dann andere neue Fragen stellen können, sind sie der Ausgrenzung
und Stigmatisierung durch andere hilflos ausgeliefert.
Dies verschlechtert eindeutig ihren
Gesundheitszustand, wie es viele wissenschaftlichen auch Studien
belegen.
Es liegt an uns, dies zu überwinden
und die Ursachen zu beseitigen.
Oft ist es einfach die Angst vor
dem „anders“ sein des Anderen, in vielen Fällen Unwissenheit über
Krankheitsbilder, wirkliche Risiken und Ansteckungsmöglichkeiten, in
den meisten Fällen aber Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit – unsere
eigene Blindheit.
Dabei sollen wir den „Anderen“, den
Kranken, den Behinderten annehmen so wie er/sie ist und ihr und ihm
offen und furchtlos begegnen und helfen.
Einfach für ihn da sein, für ihn
einstehen, zu ihm stehen – auch öffentlich.
Nur so erfährt der „Andere“ dann
die Kraft, die ihm auch hilft mit seiner Krankheit, seinem Schicksal,
seinem Sterben zu leben und es zu bewältigen.
Dann werden wir auch in diesem
Handeln an unserem Nächsten erfahren, wie reich wir dabei beschenkt
werden, wenn wir Ausgrenzung und Stigmatisierung überwinden.
In Todesanzeigen hieß es früher
einmal oft:
„ Gott dem Herrn hat es gefallen….
zu sich zu rufen!“
Ich denke, in meinem Verständnis
eines liebenden und fürsorgenden, gnädigen Gottes kann er keinen
Gefallen an Krankheit oder Tod für uns Menschen haben.
„Er ist
blind, weil an ihm die Macht Gottes sichtbar werden soll!“ Joh, 9, 3
In dem Sinne des Predigtextes heute
heißt dies wohl, dass bei allem Leid, Krankheit und Elend und Sterben
in der Welt am Ende nicht die Frage nach dem „Warum“ das entscheidende
ist, sondern die Feststellung und feste Zusage, dass Gottes Handeln in
dieser Welt sichtbar werden will – gerade auch durch uns:
Durch unseren offenen, liebevollen
Umgang mit Blinden, Kranken, Behinderten, Alten, dem Nächsten, und auch
dem sorgsame Umgang mit mir selber,
wo es keine Ausgrenzung und
Stigmatisierung mehr gibt – und immer wieder Wege ins Leben bereitet
werden und offen stehen!
Vertraut den neuen Wegen und
wandert in die Zeit.
Gott
will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der
uns in frühe Zeiten das Leben eingehaucht,
der
wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.
AMEN.
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